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Innenseite der Schulreform (Buch)

Vorwort: Fritz Schütze

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 (Einleitung)

Kapitel 2 (Protokolle)

Kapitel 3 (Interviews)

Kapitel 4 (Aktualtext)

Kapitel 5 (Auswertung)

Literatur

Anhang (Datenkranz)

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Die Innenseite der Schulreform

Vorwort von Fritz Schütze

Karl Prokopp hat mit der vorliegenden Dissertation eine Forschungsarbeit geleistet, die den langjährigen Reformprozess einer hessischen Gesamtschule rekonstruiert und analysiert – einen Grassroots-Reformprozess, der von Teilen des Kollegiums selber ausgegangen ist. Der Reformprozess – heute müsste man sagen "Schulentwicklungsprozess" – wurde gegen Widerstände, andersartige Vorstellungen oder auch ostentative Neutralitätshaltungen der Schulleitungen (die in der langen Zeit gewechselt haben) und anderer Teile des Kollegiums durchgehalten. Er verlor aufgrund der entsprechenden binären mikropolitischen Lagerschematisierungen und biographischen Auskühlungsprozesse viel sozialdynamisches und personenbezogenes Momentum, und er ist dann später sogar objektiv retardiert worden. Aber er hat schließlich dennoch eine ganze Anzahl von versachlichten Veränderungserfolgen vorzuweisen. Solcherart retardierte, mit Mühen fortentwickelte Reformprozesse gibt es in zahlreichen Institutionen unserer müde gewordenen Gesellschaft. Insofern ist Prokopps Analyse über das thematische Feld von Schulreformversuchen hinaus von generellem Interesse für das Verständnis des Umgangs unserer Gesellschaft mit Reformen. – Für den konkreten Gegenstandsbereich der Regel-Gesamtschulen scheint mir der an der Comenius-Schule erfolgte abgebremst-mühevolle Reformprozess immer dann typisch zu sein, wenn Schulen nicht auf die eine oder andere Weise für dezidierte Reformversuche durch die jeweilige Schulleitung, die Schulbehörden und etwaige begleitende Forschungsinstitutionen ausgesucht worden sind (wie das etwa in speziellen Reformschulen der Fall war bzw. ist). – Die Untersuchung von Prokopp gibt also Aufschluss über typische Veränderungsprozesse an Schulen, die keine besondere Zuwendung von außen erfahren haben.

Prokopps Untersuchung mit den Mitteln der qualitativen Sozialforschung zeichnet sich durch drei außergewöhnliche methodische Leistungen aus:

  1. Sie ist die Studie eines ehemaligen Praktikers, der in der Zwischenzeit zum Wissenschaftler geworden ist, über sein ehemaliges Praxisfeld. Das ist im Graduiertenkolleg "Schulentwicklungsforschung", in dessen Diskurszusammenhang die Forschungsarbeit entstanden ist, sicherlich nichts Ungewöhnliches. Im Gegensatz zu anderen Kollegiaten war Prokopp aber in das Praxisfeld nicht nur über fünfzehn Jahre lang als zentraler Protagonist tief im Sinne der Thematik seiner Dissertation verstrickt; er war darüber hinaus auch einer derjenigen Reform-Protagonisten, die immer wieder – sehr schmerzhaft – zur teilweisen Erfolglosigkeit verurteilt waren. Die Aufgabe der wissenschaftlichen Distanzgewinnung war also bei seiner Forschungsarbeit besonders schwierig. Dass Prokopp sein eigenes ehemaliges Praxisfeld, dem er inzwischen wieder angehört, untersucht hat, bringt drei unschätzbare Vorteile mit sich: Es kann empirisches Material in die Analyse einbezogen werden, das ansonsten nie greifbar gewesen wäre; die Untersuchung kann darüber hinaus auf einen durchweg explizit gemachten kontextualisierenden und erläuternden Hintergrundswissensbestand zurückgreifen, dessen Verwendung die Analyse an zahlreichen Stellen zusätzlich verdichtet; und der Autor kann schließlich in Verbindung mit seinen eingehenden Textanalysen eine differenzierte Kritik professionellen Lehrer-, Schulleitungs- und Schulentwicklungshandelns leisten. Gerade durch diese Kritik werden Horizonte alternativer Gestaltungswege vorstellbar und theoretisch formulierbar.

  2. Die vorgelegte Studie lässt die Akteure und Gegner der Reform und alle vom Reform- und Retardierungsgeschehen Betroffenen für sich sprechen. Dieses Sprechen geschieht multitonal in verschiedenen Medien, insbesondere:

    • in den Protokollen diverser Konferenzen und in anderen schriftlichen Verlautbarungen wie partiellen Dokumentationen des Reformprozesses für die Kollegiumsöffentlichkeit; man könnte es als ein durchkalkuliertes, für die Öffentlichkeit bestimmtes Formulieren bezeichnen;

    • in den zahlreichen subjektiven Erfahrungsberichten der Kollegiumsmitglieder, die sich zu Interviews bereit fanden; man könnte dies als das individualisiert-subjektive Erinnern und Sprechen aus dem Stegreif bezeichnen; sowie

    • in der transkribierten Aktualkommunikation von Konferenzen und Besprechungen: hier müssen die Akteure auf die gegensätzlichen Meinungen und Positionsbestimmungen in der kollegialen Auseinandersetzungsarena achten; man könnte diese Sprachproduktionen deshalb als kollektives Arena-Sprechen bezeichnen.

    Die Vielstimmigkeit des zur Sprache kommenden Materials wird noch dadurch erhöht, dass alle unterschiedlichen Akteursgruppen, die an der Schulgestaltung beteiligt sind, in der Erhebung und der Analyse miterfasst werden. All die Stimmen – in den unterschiedlichen Kommunikationsmedien formuliert, auf den unterschiedlichen sozialen Positionen angestimmt und aus den kontrahierenden Lagern kommend und Fronten bildend – werden ausführlich im ersten Band der Dissertation zitiert und genau analysiert, und im zweiten Band finden sich zahlreiche zusätzliche Transkriptionen von Aktualtexten und Interviews sowie verschriftlichte Dokumente. Auf diese Weise wird eine wirkliche Triangulation aller Perspektiven und Standpunkte der schulischen Berufsalltagswelt (d.h. ihres konjunktiven Erfahrungsraums bzw. ihrer sozial geteilten Alltagserlebnisse samt der jeweiligen Positionsperspektiven und unterschiedlichen Wirklichkeits- und Geltungsakzente: des kodifizierten im Sinne kalkulierter mikropolitischer Öffentlichkeitsdarstellung, des biographisch-subjektiven im Sinne von Schütz und des dynamisch-kollektiven im Sinne vom Durkheim) vollzogen. Zudem können die Leser der Dissertation die analytischen Rekonstruktionen des Autors lückenlos überprüfen und – wo immer angebracht – alternative Rekonstruktionsvorschläge auf der Grundlage des gesammelten empirischen Stimmenkonzerts erarbeiten.

  3. Die vorgelegte Dissertationsforschung ist, wie schon eingangs herausgestellt, eine komplexe Mehrebenenanalyse in der Tradition der Chicago-Soziologie. Der kollektive historische Veränderungsprozess, die individuellen Lehrerbiographien und ihre Bezüge aufeinander im gemeinsamen Älterwerden (im konjunktiven Erfahrungsraum) und der aktuelle Interaktionsablauf einer Krisen-Konferenz, welche Kernprobleme der Lehrerarbeit – hier: wie mit Disziplinproblemen der Schüler umgegangen werden kann – und der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern thematisiert und erörtert, werden punktgenau aufeinander bezogen. Gerade angesichts der hoch auflösenden Datendokumentation und Datenanalyse auf der Grundlage von Tonbandaufnahme-Transkriptionen ist heutzutage eine Ebenen-Triangulation eine sehr viel komplexere Aufgabe als zu Zeiten der klassischen Chicago-Soziologie in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist dem Autor dennoch außerordentlich gut gelungen, die Teilprozesse auf den drei Konstitutionsebenen von sozialer Wirklichkeit präzise aufeinander zu beziehen, so dass sich ihre Teilanalysen auf unabhängiger empirischer Geltungsbasis wechselseitig erhellen. – Positiv hervorzuheben ist auch der Umgang des Autors mit allen drei Textsorten und den entsprechenden unterschiedlichen Analyseverfahren (der Sequenzanalyse von historischen Dokumenten, der Sequenzanalyse von Interviewtexten und der Interaktionsanalyse).

Die empirischen und grundlagentheoretischen Ergebnisse der Dissertation sind in mancher Hinsicht innovativ. Das gilt sowohl für die Untersuchung des sich sukzessive deformierenden konjunktiven Erfahrungsraums (Mannheim), d.h. der gemeinsamen alltäglichen Erfahrungs- und Wissensbestände, des Lehrerkollegiums vor dem Hintergrund binärer mikropolitischer Schematisierungen in Reformer und Beharrer und biographischer Auskühlungsverlaufskurven der früher Engagierten, die enttäuscht, frustriert oder gar ausgebrannt sind, als auch für das Unwirksamwerden des erkenntnisgenerierenden Verfahrens einer "Fallkonferenz" (bzw. Klassenkonferenz) in der Zugzwangdynamik einer reaktiven sozialen Dramatisierung (Victor Turner). Besonders wichtig ist die Neuformulierung der Kernprobleme und Paradoxien des professionellen Lehrerhandelns im von Prokopp eigens entwickelten Konzept der Grenzschwierigkeiten; sowohl inhaltlich konkret aus der Ansehung des Lehrerhandelns entwickelt als auch in der grundlagentheoretischen Herleitung aus den elementaren Insuffizienzen interaktiven Handelns tauchen diesbezüglich zahlreiche originelle Theoriegesichtspunkte auf, die es in der Literatur zu den Paradoxien des professionellen Handelns so bisher nicht gegeben hat.

Es ist dem Autor zu wünschen, dass seiner Arbeit die notwendige Aufmerksamkeit zuteil wird und er mit seiner Absicht, die Diskussion in der Schulentwicklungsforschung mit seinen Ergebnissen auf neue Fährten zu locken, Erfolg hat.

 

© 2004 http://www.qualitative-forschung.de/publikationen/schulreform/, Status: 12.6.2004